Besuch im Theatermuseum Wien: 5 Denkanstöße für bessere Theaterfotos …
Bild aus Ausstellung im Theatermuseum Wien, Theaterfotografie von Christine de Grancy

Überblick

Besuch im Theatermuseum Wien: 5 Denkanstöße für bessere Theaterfotos und was Theaterfotografie, Quantenphysik und Psychologie verbindet

Vor kurzem habe ich im Theatermuseum Wien die Ausstellung „Sturm und Spiel“ über die Theaterfotografie von Christine de Grancy aus den 1970er bis zu den 1990er Jahren besucht (absolute Empfehlung – läuft noch bis zum 7. November 2022). Von dort habe ich fünf Denkanstöße für bessere Theaterfotos mitgenommen. Und die Erkenntnis, was Theaterfotografie, Quantenphysik und Psychologie verbindet…

Theaterfotografie – besser mittendrin statt nur dabei

Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, warst du nicht nah genug dran.“ So oder so ähnlich lautet ein Zitat des berühmten Reportagefotografen Robert Capa. Das kann man auf die Theaterfotografie übertragen.

Bewusst geworden ist mir das einmal mehr beim Betrachten der Bilder der Theaterfotografin Christine de Grancy im Theatermuseum Wien. Viele ihrer Theaterfotos entstanden ganz offenbar aus nächster Nähe und nicht aus der sicheren Entfernung des dunklen Zuschauerraums. Dadurch nimmt sie den Betrachter mit hinein in die Handlung und erzeugt Unmittelbarkeit. Meine Vermutung wurde bestätigt, als ich später in einem Begleittext der Ausstellung las, dass es der Theaterfotografin durch ihre respektvolle und behutsame Art gelang, rasch als Teil des Ensembles wahrgenommen zu werden. Deshalb durfte sie sich bei den Proben auch auf der Bühne bewegen und konnte authentische Szenenfotos von den Schauspieler:innen mit magischer Wirkung aus nächster Nähe einfangen. Einmal mehr gilt also: Besser mittendrin statt nur dabei. Das bringt mich gleich zum nächsten Punkt…

Theaterfotograf:in anwesend: Wie wirklich ist die Wirklichkeit?

In der Quantenphysik gibt es den Effekt, dass ein:e Beobachter:in (Wissenschaftler:in) allein durch seine/ihre Anwesenheit die bei einem Versuchsaufbau betrachtete Realität (und damit die Messergebnisse) ungewollt verfälschen kann. Auch in der Psychologie ist in ähnlicher Weise der Hawthorne-Effekt bekannt: Bei gruppenbasierten Beobachtungsstudien kann es passieren, dass die Teilnehmer:innen unbewusst ihr Verhalten ändern, weil sie wissen, dass sie an einer Studie teilnehmen und unter Beobachtung stehen.

Und wie ist das in der Theaterfotografie? Auch hier kommt der/die Theaterfotograf:in als Beobachter:in und zusätzliche Variable ins Spiel. Egal ob er/sie hinten im Zuschauerraum mit dem Teleobjektiv steht oder vorne auf der Bühne dabei ist. Alleine die Tatsache, dass die Akteur:innen wissen, dass ein:e Fotgraf:in da ist, kann dazu führen, dass sich ihr Spiel verändert. Das wird umso mehr gelten, je näher er oder sie den Schauspieler:innen kommt. Was tut man als Fotograf:in dagegen? Wie so oft geht es in einem ersten Schritt um die Bewusstmachung. Dann muss jeder von uns jeweils im Einzelfall entscheiden, wie man die dargebotene Wirklichkeit möglichst wenig beeinflusst. Vielleicht findest du meine Tipps im Beitrag Theaterfototgraf? Kill your ego! hilfreich.   

Professionelle Theaterfotos sind zeitlos

Beim Blick auf die Bilder von Christine de Grancy zeigt sich, dass professionelle Theaterfotos zeitlos sind. Kurzfristig betrachtet dienen sie meist vor allem der Werbung und dem Marketing für ein bestimmtes Stück. Aber langfristig gesehen fangen sie im Idealfall den einen entscheidenden Moment ein und konservieren die Umsetzung und Interpretation einer Spielszene für die Nachwelt. Das gibt ihnen einen speziellen dokumentarischen Mehrwert, der sich erst viele Jahre später offenbart. Wie wurde eine bestimmte Szene vor 10, 50 oder hundert Jahren umgesetzt? Die Theaterfotografie hebt den Vorhang und kann als visuelle Zeitkapsel dabei helfen, diese Frage zu beantworten. David DuChemin hat es in einem seiner Bücher so formuliert: Ein Bild kann deshalb eine Geschichte erzählen, weil es die menschliche Vorstellungskraft herausfordert. Genau das passiert, wenn man heute mit vielen Jahren Abstand auf ein altes Szenenfoto blickt. Theaterfotos haben die Macht, eine Inszenierung für nachfolgende Generationen wieder lebendig zu machen.

Die längste Zeit in der Geschichte des Theaters gab es keine Möglichkeit, die künstlerische Leistung der Schauspieler:innen für die Nachwelt bildhaft und authentisch festzuhalten. Mehr als 2000 Jahre sind verloren. Dank der Fotografie sind wenigstens die letzten 100 Jahre halbwegs dokumentiert. Ein visuelles Bühnengedächtnis ist langsam im Entstehen. Einen kurzen geschichtlichen Abriss zur Entstehung der Theaterfotografie findest du übrigens hier.

Besondere Wirkung von Szenenfotos in Schwarz-Weiß

Lange Zeit war die Theaterfotografie Schwarz-Weiß. Das gilt auch für die in der Ausstellung gezeigten Fotos aus den 1970er bis 1990er Jahren. Die Aufnahmen haben einen besonderen Charme, dem man sich nur schwer entziehen kann. Das liegt vor allem daran, dass wir nicht von den Farben abgelenkt werden. Dadurch konzentrieren wir uns automatisch mehr auf das Motiv und vor allem die abgebildeten Personen. Wir achten mehr auf ihre Gesten und die Mimik, die unmittelbarer und irgendwie auch bedeutsamer wirken. Damit rücken auch die Geschichte und die Handlung, die in dem Foto gezeigt werden, mehr in den Mittelpunkt. Bilder in Schwarz-Weiß wirken zudem edler und sprechen leise mit uns, während Farbfotos um Aufmerksamkeit schreien.

Heute findet die Theaterfotografie in Farbe statt. Erstens entspricht das dem heutigen technischen Standard, und Zweitens steckt im komplexen Lichtdesign der Inszenierung viel Arbeit die auch gezeigt und festgehalten werden soll. Theaterfotografie ist nun einmal auch Reportagefotografie. Trotzdem: Vielleicht ist es nicht verkehrt, immer wieder auch mal in der heutigen Zeit Theaterfotos ganz bewusst schwarz-weiß zu halten.

Szene aus Theaterstück
Beispiel für eines meiner Theaterfotos, dass seine volle Kraft erst in S/W entfaltet. Phillip Kaplan | Im Spiegel | Pygmalion Theater Wien

Es geht nicht um das technische Equipment

In den Begleittexten der Ausstellung findet sich der Hinweis, dass Christine de Grancy ihre Theaterfotos aus den 1970er bis zu den 1990er Jahren zunächst mit Kameras von Olympus (Modell OM-2) und dann mit verschiedenen Kameras von Leica (z.B. M6, R7) fotografiert hat. Das bedeutet, dass die Fotos der damaligen Zeit entsprechend auf analogem Film belichtet und danach in einem chemischen Prozess entwickelt wurden. Außerdem gab es an diesen Kameras noch keinen modernen Autofokus, weshalb jedes Bild manuell mit der Hand scharf gestellt werden musste. Die Lichtempfindlichkeit wurde von der jeweils verwendeten Filmrolle für die nächsten 24 oder 36 Fotos definiert. Eine Anpassung des ASA-Wertes (heute: ISO) war nicht möglich. Ich fotografiere manchmal selbst zum Spaß mit alten analogen Kameras und habe selbst auch eine Olympus OM-2n.

Kamera Olympus OM-2n
Meine Olympus OM-2n aus den späten 1970er Jahren. Funktioniert immer noch einwandfrei. Vielleicht sollte ich sie auch einmal im Theater einsetzen?

Die Kameras Christine de Grancy waren klein und handlich. Das mag dazu beigetragen haben, dass sich die Schauspieler:innen nicht von ihr abgelenkt oder bedroht fühlten. Ein nicht zu unterschätzender psychologischer Effekt, den ich auch schon bei der Portrait-Fotografie beobachtet habe. Vor allem zeigt sich aber, dass eindrucksvolle Theaterfotos nicht unbedingt vom verwendeten Equipment abhängen, sondern vom Timing und dem Einfühlungsvermögen der Person, die das „Werkzeug“ Kamera bedient. Das sollten wir gerade in unserer modernen digitalen Welt wieder öfter berücksichtigen, wo die Qualität eines Fotos viel zu oft alleine über die Anzahl der Megapixel und den Dynamikumfang der verwendeten Kamera definiert wird.

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Bild von Paul Hesse

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