Eine kurze Geschichte der Theaterfotografie
Szene aus einem Theaterstück: Eine Frau hockt an eine Wand gelehnt und blickt in den Zuschauerbereich. Im Hintergrund stehen sich ein Mann und eine Frau gegenüber.

Überblick

Eine kurze Geschichte der Theaterfotografie

Dank der Fotografie sind wir heute dazu in der Lage, die Leistungen der Schauspieler:innen auf der Bühne in Bildern authentisch für die Nachwelt festzuhalten. Dabei vergisst man schnell, dass es diese Möglichkeit erst seit rund 100 Jahren gibt. Die davor mehr als 2000 Jahre zurückreichende Geschichte des Theaters musste ohne Bilder auskommen. Sie ist daher nur durch schriftliche Aufzeichnungen und Zeichnungen dokumentiert. Ich finde, es ist an der Zeit, einen Blick auf die Lösung dieses Problems und die Entstehungsgeschichte der Theaterfotografie zu werfen.

Am Anfang steht der Erfindergeist

Unsere Geschichte beginnt in Frankreich. 1826 wurde dort erste Foto von Nicéphore Niépce aufgenommen. In weiterer Folge entwickelte er mit Louis Daguerre die Technik weiter, bis daraus im Jahr 1835 das fotografische Verfahren hervorging, das später unter dem Namen „Daguerreotypie“ bekannt wurde. Wusstest du übrigens, dass Lois Daguerre davor unter anderem als Bühnenmaler für Theater gearbeitet hatte? Schon ganz am Anfang der Erfindung der Fotografie finden wir somit bereits eine Verbindung zum Theater. Leider hatte die Daguerreotypie den erheblichen Nachteil, dass nur eine einmalige Aufnahme entstand, die nicht vervielfältigt werden konnte. 

1835 entwickelte der Brite William Henry Fox Talbot die „Kalotypie„, bei der von einem Papiernegativ beliebig viele Abzüge als Bildpositive hergestellt werden konnten. Nun ging es Schlag auf Schlag mit neuen fotografischen Entwicklungen.

Im Jahr 1851 wurde schließlich das „Kollodium-Nassplatten-Verfahren“ erfunden, welches für die folgenden Jahrzehnte der gebräuchliche Stand der Technik wurde. Im Vergleich zu den anderen bis dahin entwickelten fotografischen Verfahren war es relativ einfach zu handhaben und erlaubte für damalige Verhältnisse sehr kurze Belichtungszeiten zwischen zwei bis zwanzig (!) Sekunden.

Erste fotografische Ateliers und Schauspielerportraits

Alle diese technischen Entwicklungen dazu führten, dass schon ab den 1840er Jahren in Paris, London und anderen Großstädten erste fotografische Ateliers entstanden, die sich vor allem auf die Abbildung von Personen spezialisierten. Wir alle kennen diese alten vergilbten Bilder von sehr steif und ernst in die Kamera schauenden Männern und Frauen. Damals war das eine technische Revolution.

Vor allem Schauspieler erkannten schnell den Werbewert der Fotografien. In weiterer Folge wurde es üblich, dass sie einzeln und als Gruppe in den Ateliers fotografiert wurden. Dabei wurde erheblicher Aufwand getrieben. Oft kamen die Schauspieler in voller Bühnenmontur und mit umfangreichen Requisiten in das Atelier des Fotografen. Manchmal wurden sogar Teile der Bühnenausstattung ins Atelier gebracht und zusätzlich aufwändig gemalte Bildhintergründe verwendet.

In den Theatern herrscht (noch) Dunkelheit

In den Theatern und bei der Aufführung selbst war zu dieser Zeit noch lange nicht an Fotografie zu denken. Einerseits war die damalige Fotoausrüstung schwer zu transportieren, und zweitens war vor allem nicht ausreichend Licht vorhanden. In der Mitte des 19. Jahrhunderts war man in den Theatern gerade erst von der Beleuchtung mit Kerzen bzw. Öllampen zur Gasbeleuchtung übergegangen. Es war keine Seltenheit, dass in großen Theatern zweitausend Gaslichter oder mehr um die Bühne angebracht waren. Lichtrichtungen und Schattierungen, die damit nicht zu erreichen waren, wurden zum Teil direkt auf die Bühnendekoration gemalt. Insgesamt ergab sich damit ein durcheinander verschiedener Lichteindrücke. Die Gasbeleuchtung war auch nicht ungefährlich, was nicht zuletzt durch den Ringtheaterbrand in Wien mit hunderten Todesopfern im Jahr 1881 belegt ist. Ungefähr zu dieser Zeit wurde schließlich die Kohlenfadenlampe erfunden, und bereits 1882 präsentierte die Deutsche Edison-Gesellschaft in München auf der 3. Elektrizitätsausstellung eine Theaterbeleuchtungsanlage. Kurz darauf, im Jahr 1885, verfügte angeblich das Münchener Residenztheater bereits über die erste elektrische Bühnenbeleuchtung Deutschlands. Das war sicher die Ausnahme; an vielen anderen Theatern setzte man sicher noch für lange Zeit Gas- und Ölbeleuchtungen ein.

Um 1900: Erste Szenenbilder im Theater

Wann die ersten (kommerziell brauchbaren) Szenenbilder in einem geschlossenen Theater gemacht wurden, lässt sich heute kaum mehr sagen. Vermutlich ist der relevante Zeitpunkt erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts bzw. zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu verorten. Die drei frühesten Aufnahmen in der Sammlung des Deutschen Theatermuseums, die eindeutig in geschlossenen Theatern entstanden, stammen beispielsweise aus den Jahren 1896, 1900 und 1901. Diese Bilder sind aber nicht mit unserem heutigen Verständnis von lebendigen Theaterszenen vergleichbar. Stattdessen handelte es sich damals noch um statische, gestellte Aufnahmen, die eher an Gruppenfotos des Ensembles in Kostümen auf der Bühne erinnern als an eine Momentaufnahme aus der Inszenierung.

In den „Roaring Twenties“ nimmt die Theaterfotografie fahrt auf…

Ab den 1920er Jahren konnte man mit der immer besser werdenden Kameratechnik endlich dazu übergehen, realistischere, direkt aus der Inszenierung entnommene (aber meist immer noch eigens gestellte) Szenenfotos anzufertigen. Die große Wende leitete im Jahr 1924 eine Kamera namens „Ermanox“ ein. Sie verfügte über ein für damalige Verhältnisse unglaublich lichtstarkes Objektiv mit einer Offenblende von f 1,8. Damit war es erstmals möglich, in gewissem Umfang direkt im Theater mit dem dort vorhandenen Licht ausreichend kurze Verschlusszeiten zu erreichen, um bewegte Szenenbilder ohne Bewegungsunschärfe zu fotografieren. Schon gegen Ende der 1920er Jahre wurde die Ermanox von der deutlich handlicheren Leica-Kamera verdrängt, die sich zu dieser Zeit bereits einen Namen bei Fotojournalisten machte und zudem auch über auswechselbare Objektive verfügte. Ab diesem Zeitpunkt war der technische Fortschritt war nicht mehr aufzuhalten. Anfang der 1930er Jahre tauchten auch bereits andere Kamerahersteller auf, deren Kameras ebenfalls Aufnahmen in Theatern ermöglichten (z.B. Contax, Rolleiflex).

In den folgenden Jahrzehnten wurden die handlichen analogen Kleinbild-Kameras mit ihren 35mm- Filmen und lichtstarken Objektiven zu einem beliebten Werkzeug der Theaterfotografen. Der Wechsel vom gestellten zum unmittelbar während einer Probe oder während der Aufführung angefertigten Szenenfoto vollzog sich trotz allem sehr langsam über mehrere Jahrzehnte. Erst in den 1950er und 1960er Jahren wurde es vermehrt üblich, bewegte Szenenfotos (meist im Rahmen einer so genannten Fotoprobe) zu fotografieren. Aus dieser Zeit stammen viele der bekannten klassischen Theaterfotografien.

Autofokus seit den 1980ern

Die Entwicklung der Kameratechnik ging rasant weiter. In weiterer Folge setzten sich die Spiegelreflex-Kamerasysteme durch. Hersteller wie Canon und Nikon gaben den Ton an. Ab den 1980er Jahren wurde das automatische Fokussieren mit der Kamera (Autofokus) zum Standard. Das machte es deutlich einfacher, scharfe und klar auf einzelne Personen fokussierte Bilder in der Bewegung auf der Bühne einzufangen.

Die 2000er: Digitale Fotografie setzt sich durch

Einen weiteren großen Schritt machte die Theaterfotografie dann Anfang der 2000er Jahre mit dem Wechsel von der analogen zur digitalen Fotografie. Die digitalen Kameramodelle und ihre Bildsensoren wurden rasch immer besser. Bald konnten sie in dunklen Theatersälen ohne größere Einschränkungen verwendet werden. Das gefürchtete „Bildrauschen“ hat viel vom seinem Schrecken verloren. Heute ist es z.B. ohne weiteres möglich, je nach Kameramodell eine Lichtempfindlichkeit von ISO 3600, 6400 oder noch mehr einzustellen. Zum Vergleich: In der analogen Fotografie der 1980er, 1990er und auch noch der 2000er Jahre lag die Lichtempfindlichkeit des Films oft nur bei ISO 400 oder. Auch der bereits Ende des 20. Jahrhunderts spürbare Trend weg von (analogen) Schwarz-Weiß-Foto hin zur Farbfotografie wurde mit der digitalen Fotografie weiter beschleunigt. Die digitale Bildbearbeitung eröffnete zudem einen ganz neuen Spielraum für die Entwicklung der Theateraufnahmen. Zuletzt macht sich vor allem der Wechsel von digitalen Spiegelreflexkameras hin zu spiegellosen Systemen bemerkbar.

Ausblick

Die Theaterfotografie war und ist eine anspruchsvolle fotografische Disziplin. Sie verlangt vom Fotografen viel Einsatz. Wie schon vor hundert Jahren muss er meist das Auslangen mit dem wenigen auf der Bühne vorhandenen Licht finden. Gleichzeitig soll die Visualität der Inszenierung und das Spiel der Schauspieler:innen eingefangen werden. Damit ist die Theaterfotografie auch immer eine Spiegelfläche ihrer Zeit und der jeweils verfügbaren Kameratechnik. Ohne Zweifel wird das auch in Zukunft so bleiben. Es bleibt also spannend.

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Bild von Paul Hesse

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